Das Buch des Bremer Ex-Bürgermeisters Henning Scherf trägt autobiographische Züge und reflektiert auf der Grundlage eines Lebensrückblicks seine persönliche Situation des Älterwerdens mit derjenigen der Gesellschaft insgesamt. Es steht in den Bestsellerlisten weit vorne und ist absolut Talkshow-kompatibel.
Um es vorweg zu sagen: es ist aller Ehren wert.
Scherfs Buch funktioniert als eine Art Ratgeber. Es basiert auf der Feststellung: altwerden ist normal,am besten,man fängt rechtzeitig damit an,damit die zu erwartende Leere nach getaner Arbeit vorab schon mal halbwegs ausgefüllt wird. Er gibt eine Vielzahl  sinnvoller Tätigkeiten an,die im weitesten Sinne „Engagement für andere“beinhalten.
Seine These: Ehrenamtliche Arbeit spielt eine große Rolle im Alter. Er nennt die Bremer Freiwilligen-Agentur und den Senior-Experten-Service, beides Organisationen, die ältere Fachleute vermitteln, die mit ihrer Erfahrung, Kompetenz und der Haltung des nicht-mehr –in-Konkurrenz - stehens, wertvolle Berater-Tätigkeiten ausüben. Hier muß sich niemand mehr etwas beweisen. Der Mandant steht bei der Beratung im Mittelpunkt und nicht der Berater. Dies ist Entwicklungshilfe im besten Sinne.
Weitere Beispiele für soziales Engagement sind erwähnt: die Obdachlosenhilfe der St.Stephanie-Gemeinde, Henning Scherf´s Kirchengemeinde; die Innere Mission,der ADFC, also der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, den Scherf selbst mitgegründet hat.
Für die eher „innere Ertüchtigung“ empfiehlt Scherf sportliche Aktivitäten –je nach Gustus-oder künstlerische; wie malen oder fotografieren. Er beschreibt seine Aktivitäten mit zwanzig anderen Weißhaarigen,die regelmäßig mit einer pensionierten Zeichenlehrererin im Bremer Bürgerpark auf Motivsuche gehen.
Ein schönes Bild,vielleicht sollte man mal anläßlich eines Spazierganges mal nach dieser Gruppe Ausschau halten.
Henning Scherf gibt am Anfang und zum Ende des Buches Einblicke in sein Familienleben, die durchaus intim sind. Er schildert das harmonische sterben seiner Großmutter inmitten des Kreises der Familie ebenso, wie den Tod seiner Mutter. Er kann sich bis Heute nicht verzeihen, das er, als sie starb, auf einem Juso-Kongress war. Er schildert auch das unterschiedliche Verhältnis zu seinen Geschwistern.Zwischen diesen Kapiteln liegen demografische Untersuchungen über die Situation und die Zukunft der Älteren und Alten in Deutschland, deren anwachsende
Anzahl und Bedeutung. Ein ausführliches Kapitel ist dem Zusammenleben in seiner Hausgemeinschaft gewidmet, deren Entstehung, Entwicklung und Ausblick in die Zukunft geschildert wird.
Hennig Scherfs Buch ist durchgehend von positivem Geist geprägt. Es ist so seine Art,so kennt man ihn in Bremen.Selbst dort, wo er die Seinsfragen streift,klingt es moderat,verständnisvoll,ausgleichend. Es ist auch eine Art Gegenentwurf zu Frank Schirrmachers skeptisch-düsteren Buch "Das Methusalem-Komplott", der bekanntlich mit dem „Clash of Generations“, also dem Krieg der Generationen liebäugelt. Originalton Henning Scherf.: “Was für ein Pamphlet“. Scherf setzt dem einen (seinen) durchgehend positiven Lebensentwurf entgegen: „wir erfahren uns als eine begünstigte Generation, die älter werden darf als alle, die vor ihr gelebt haben.Wir können mit Mitte siebzig, manche sogar noch mit achtzig, neue Lebensentwürfe ausprobieren. Durch unsere längere Lebenserwartung bei guter Gesundheit hat sich eine neue Lebensspanne zwischen das mittlere und das hohe Alter geschoben.Wir sind die jungen Alten – und so wollen wir auch leben.“
Das er als ehemaliger Bremer Bürgermeister bessere Startchancen hat als viele seiner Leser,räumt er  ein. Und ebenso tritt Scherf nicht einfach in irgendeinen Verein ein, ohne ihm nicht  sogleich auch vorzusitzen. So sind die Spielregeln in dieser Gesellschaft. Einen Vorwurf beinhaltet dies aber nicht. Wer möchte schon nicht selber so begünstigt sein.Hübsch seine Aüßerung: „Den Älteren bleibt Amüsement: wer Geld hat,landet auf einem Musikdampfer, und wer keins hat, dem wird bei Kaffee und Kuchen eine Geschichte vorgelesen“. Allerdings zeigt dieser –an sich nette Satz- auch die Bandbreite der Scherfschen Analyse auf: er geht entweder garnicht in die Tiefe, oder wenn, dann moderiert er sie so zurecht, das sie nicht mehr so tief ist. Das bestätigt  den Umstand, das hier ein Politiker am Werk ist. Wirkliche Verzeiflung, wirkliche Einsamkeit werden bestenfalls erwähnt; sicher nicht absichtlich verharmlost, aber dem Scherfschen Innenleben angepaßt: und das ist nun mal versöhnlich, ausgleichend. Warum auch immer, aber bestimmte Dinge klingen, wenn Henning Scherf sie schreibt (oder diesem Fall: schreiben läßt) seltsam drollig. Etwa,wenn er schildert, wie er „unter den Kugeln der Contras“ in Nicaragua Kaffee gepflückt hat. Das ist zweifellos richtig und trotzdem kommt es mir so  vor wie die gefühlte Echtheit  eines Indianers bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Trotzdem mag man diesen Indianer nicht weniger, als einen  echten.Und Hennig Scherf war schließlich mal ein richtiger Häuptling. Der nun froh ist,kein Häuptling also kein Bürgermeister mehr zu sein. Freunde von ihm gaben ihm zu verstehen, das er zum letztmöglichen Zeitpunkt aus diesem Geschäft herausgekommen sei. Er sagt, das ihn sein Beruf in einer Art innerer Gefangenschaft gehalten hat. Henning Scherf: “Wenn die Zeit der Arbeit zu Ende geht, ist man plötzlich auf das soziale Netz, das man im Laufe seines Lebens gewoben hat, zurückgeworfen.Schlecht,wenn dies nur um den Beruf geknüpft war.“
 
Grau ist bunt ist ein ertragreicher Ratgeber für älter werdende Menschen, die ihr Leben weiterhin mit Sinn füllen wollen, nachdem sie ihren Beruf nicht mehr ausüben. Er gibt viele wertvolle Anregungen hierzu, die Henning Scherf vertrauenerweckend schildert und in leuchtenden Farben ausmalt. Es ist ein Mut machendes Buch, ein „typischer Scherf“ eben. Die Sprache könnte inspierierender sein, sie moderiert das interessante Thema durchweg zu glatt. Der durchgehende positive Impetus,die umgreifend „gute Absicht“des Autors, Sinn zu stiften und Gutes zu tun,wirkt auf Dauer ermüdend. Das 8.und letzte Kapitel: “Abschied nehmen“, berührt als einziges wirklich. Es durchbricht schon vom Thema her den vom stetigen Fortschrittsglauben geprägten Fluss der Lektüre. Es stellt einen würdigen Abschluss her.
Grau ist bunt läßt sich ausbauen und sichert Henning Scherf und seinen Lesern wohltuende und sinnstiftende Ausblicke in die Zukunft.
 
Holger Mertins

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THE GREAT PRETENDER
 
Grau ist bunt 
was im Alter möglich ist.
Von HENNING SCHERF.
Herder-Verlag 2006